Tavernenbriefe Kreuz Aetingen, 1671 und 1761

Originaltext des Tavernenbriefes von 1671

Wir Schultheiss Undt Rath der Statt Solothurn Thuen Khund und Bekennen offentlich, durch gegenwertigen Brieff: Alls dan unser underthan Lieber und getreüwer Hans Siber von Ättigen am Buchenberg Unss in heütiger Rathsverhandlung, mit mehrerem in underthenigkeit hiderbringen lassen, was gstalten wir ihme hiebevor uss gnaden vergönt, dass er wein bim zapfen usschenken, ja sein Hauss zu einer offentlichen Tävernen uffrichten soll undt möge er wan das er seit anhero mit keiner gwasamme undt Brieff versechen worden, undt sich also gegen frömbden undt heimbschen gehalten, dass unseres wüssens kein Klag vorkommben. Alls haben wir ihme undt solches wegen seines gehorsmbs undt anderen erhebligkeiten, doch mit ustrückenlichen wortten, so lang es unss undt unserem Regiments nachkommen gefällig sein würdt, hirmit gnecken undt so des Tavernen rechts bediennen möge, undt aber, üblichem brauch nach, unseren je zuzeiten verordneten Ober Vögten am Buchenberg jehrlichen uff St. Martini zu handen unseres Stattseckels bezahlen undt zu ewicher Tavernen rechtens erkanndtnus ussrichten solle, Ohm gelt zwei Pfund. Krafft dieses briefs, dessen allen zu wahrem urkhundte lassen wir unser statt seckel insigel, hiefür uf drücken, dem begehrenden sich habe zu dienen, vor wahrlich zu seinen Lasten. Mentag den 13. Aprilis a°.1671.

Johann Georg Wagner

Stattschreib

Originaltext des erneuerten Tavernenbriefes von 1761

Demnach zu folg raths erkantnis vom 29. octobris letzthin Mn. Gnädigen Herren und Oberen belieben wollen die ihren unterthanen ertheilte tavernen rechten in so lang es hoch denenselben gefällig widerumb zu bestätten, anbei auch das darauf gelegten tavern gelt auf jederen dingen nach zu vermehrend, und die vollziehung der aeconome Cammer aufzutragen: Als ist in folg dessen Urs Ramser diesmaliger Würth beym weissen Creutz Ättigen umb 2 Pfund vermehret worden; mithin künftighin derselbe anstatt 2 Pfund vier Pfund zu bezahlen schuldig sein solle; welchem als es ihme vergeöfnet worden, er geflissentlich nachzuleben Mhgh Seckelmeister Schwaller als dessen hl. Obervogt mit Mund und hand angelobt den 27. January 1761

J. Gerber Stattschreiber

Gasthaus Kreuz, Aetingen

Das „Kreuz“ zählte zu jenen sechs Tavernen im Bucheggberg, die Ende des 18. Jahrhunderts „ein schült mit einem weissen kreütz im rothen veld“ als Wirtshausschild ausgehängt hatten oder ein solches heute noch haben. Nebst Aetingen waren dies die Tavernen von Lüsslingen, Lüterkofen, Lüterswil, Schnottwil und Tscheppach. Dazu kam die Sonne von Messen, während die Taverne „Sternen“ von Gossliwil erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts erwähnt wird. Ursprünglich bestanden wohl nur in allen vier Gerichten Tavernen, also Aetingen, Lüsslingen, Messen und Schnottwil. – Hier sei auf den Unterschied zwischen Tavernen und Pinte hingewiesen: Die Wirte in einer Taverne waren berechtigt, Mahlzeiten und Getränke ihren Gästen vorzusetzen und sie zu beherbergen, während in einer Dorfschenke oder Pinte nur Brot und Käse sowie Getränke aufgestellt werden durften und Tanzen nicht erlaubt war. Ferner bestand der rechtliche Unterschied, dass das Tavernenrecht stets auf einem Haus haftete; das Schenkenrecht aber wurde einer Person verliehen, solange dies der Obrigkeit „gefällig“ war. Gab es keine Anstände, wurde das Schenkenrecht dem Wirte bis zu seinem Ableben belassen.

In Aetingen wird 1474 mit Hensli Graf erstmals ein Wirt und somit ein Wirtshaus erwähnt, doch darf angenommen werden, dass schon vorher ein solches bestanden hatte. Vielleicht war er schon 1465 als Wirt tätig, denn in einem Tell- oder Steuerrodel von 1465 ist wohl derselbe „Hansli Graf“ – zwar ohne Berufsangabe – verzeichnet, ebenso noch 1489. – Vielleicht ging der Besitz von Hansli Graf 1493 an Ueli Hörsch über, bestellte doch diese Land, das vorher Hans Graf gehört hatte. So werden 1528 Hans Hörsch als Wirt und Amman und 1541 Michael Hörsch als Wirt von Aetingen bezeichnet. Zur Zeit von Hans Hörsch gab es wahrscheinlich schon eine Pinte, wird ihm doch 1533 bekannt gegeben, dass in Zukunft das Gericht abwechslungsweise in den Wirtshäusern tagen solle. Die einflussreiche Familie wird vom 15. bis 17. Jahrhundert sowohl in Unterramsern als auch in Aetingen in Quellen genannt; sie wird mit „Baschi Ramser“ (Sebastian) in einem Verzeichnis von 1474 bis 1477, also zur Zeit der Burgunderkriege, erwähnt. An die Familie Hörsch in Aetingen erinnern noch der Flurname „Hö(r)schmösli“ 1574, ebenso die merkwürdig späte Bezeichnung in einem Gemeindeprotokoll von 1892, in dem von einem verkostgeldeten Jakob Andres, genannt „Hörschjoggeli“, zu vernehmen ist. – Weitaus mehr Angaben bestehen im 17. Jahrhundert über die Wirte Sieber auf dem „Kreuz“. 1615 werden „Urs Sieber, Wirt auf auf dem „Kreuz“ und 1660 mit „Hans Sieber“ wohl einer seiner Nachkommen erwähnt. Dieser beschwerte sich 1660 bei der Regierung wegen der Konkurrenz der Schenkenwirte und weil ihm bisher kein Tavernenrecht ausgestellt worden war. Er erntete harsche Kritik, indem ihm bedeutet wurde , er habe sich ruhig zu verhalten. Doch am 13. August 1671 wurde ihm das sehnlichst erhoffte Tavernenrecht ausgestellt und bewilligt, als Wirtshausschild ein weisses Kreuz im roten Feld auszuhängen. Gleichzeitig gab man ihm auch den „Tarif“ durch und verlangte von ihm jährlich zwei Pfund als Ohm- oder Umgeld ab. – Was 1716 mit dem Wirtshaus geschah, ist etwas unklar: Ein Hans Sossauer war Besitzer und verkaufte es an einen Hans Jakob Gürlet von Twann. Hatten sich die Sieber etwa übernommen beim Zukauf von Wein, so dass es zu einer Versteigerung des Wirtshauses kam? 1742 war nichts mehr von einem Wirt Gürlet zu vernehmen, denn nun begann die rund 250 Jahre lange Wirtezeit der Familie Ramer auf dem „Kreuz“. 

Im Bucheggberg sind die Ramser zumindest seit Ende des 15. Jahrhunderts in Schnottwil heimatberechtigt. In den folgenden Jahrhunderten trifft man sie in Urkunden auch auf den Mühlen von Küttigkofen und Nennigkofen und – sechs Generationen lang bis 1901 in Aetingen. Urs Ramser und seinen Messener Ehefrau Anna Iseli zogen 1736 mit ihrer grossen Familie – sechs Kinder wurden in Tscheppach, weitere in Aetingen geboren – auf das Wirtshaus „Kreuz“ , wo Urs Ramser spätestens ab 1742 als Wirt bezeugt wird. Im Inventar seines Sohnes Urs von 1790 ist vorerst sein Besitz aufgeführt: „ Erstlich das neüe Würthshaus zu Aetingen mit Einbegriff des dazugehörenden Stocks, Scheune und Bestallung, Schweineställe, Schopf und Keller ennet dem Würthshaus, der Garten vorm Haus, eine halbe Rechtsame, eine Pünte zu einem Mass Hanf, 1 ½ Mäder Hofstatt, alles zu 12'000 Pfund gerechnet. „ Worauf das Verzeichnis des Weins folgt:“ Weissen alten Wein von verschiedenen Jahrgängen à 4 ½ Batzen die Mass, 1'070 Mass; roten à 2 Batzen, weil er bald Essig, 200 Mass; sonstiger à 10 Batzen, 55 Mass: Essig 8 Mass à 4 Batzen; Branntwein 2 Mass. An Lägerfass in Eisen gebunden sind vorhanden 196 Saum à 15 Batzen der Saum (das Saum, gerechnet zu 150 Liter, ergibt 29'400 Liter!). Ferner sind an Silber 10 verschiedene Löffel sowie 1 Ragoutlöffel aufgeführt. Die ganze Habschaft wurde auf 35'738 Pfund geschätzt – In mancher Beziehung erfolgreich war Johann Ramser (1759 – 1825), der unter anderem die Mühle, den Stock und den dazu gehörenden Landwirtschaftsbetrieb in Küttigkofen erwarb. Er liess sich 1815 vom Maler Rinolt porträtieren; das Bild überdauerte die Zeit und hängt noch immer im „Kreuz“. Nicht weniger erfolgreich war sein Sohn Jakob (1788 – 1862) . Er liess 1845 das heutige Wirtshaus erbauen, stand lange Zeit der Gemeinde als Ammenn vor, führte als erster Verwalter die Geschäfte der 1850 gegründeten Spar- und Leihkadde Bucheggberg und war Mitglied des Kantonsrates. – Zum Verhängnis wurde den letzten Generationen Ramser in Aetingen der Alkohol, so dass nach dem Tod des nur 31-jährigen Johann Ramser 1901 das Wirtshaus von der Erbgemeinschaft Ramser 1902 in den Besitz der Familie Andres überging.

Die Andres werden seit dem 15. Jahrhundert in Quellen oft als Ammänner oder in anderen der Gemeindeverwaltung erwähnt und sind somit alte Aetinger Bürger. Nach ihrer Zeit als Wirte auf dem „Rössli“ oder Pinte war Fritz Andres-Mollet (1867 – 1950) erster Wirt auf dem Kreuz. 1910 fand durch ihn der Auskauf des Taverenenrechtes statt und er erhielt für 16 Jahre, bis 30. Juni 1926, die Berechtigung für die Ausübung des Wirteberufes; eingeschlossen war bei diesen Vereinbarungen eine Tanzbewilligung gegen eine jährliche Gebühr von 

Fr. 4.30 . Ihm folgten Walter Andres-Furrer (1900 – 1977), der von 1930 bis 1970 Kreuzwirt war, ferner Peter und Rosmarie Tschumi-Bartlome, welche den Betrieb von 1970 bis 1985 führten. Seit 1985 ist Jürg Bütikofer, Sohn von Fred und Käthi Bütikofer-Andres von Limpach, Wirt auf dem traditionsreichen Betrieb, den er heute zusammen mit seiner Frau Annelies führt.

Käthi Bütikofer- Andres fühlt sich nach wie vor mit ihrem Elternhaus verbunden, und von ihm stammen die nachfolgenden, interessanten Angaben über die Wirtezeit ihrer Eltern Walter und Hanny Andres-Furrer, welche den Betrieb 40 Jahre führten: “Hanny Andres war die alleinige Köchin im Kreuz, der ein Mädchen als Küchengehilfin zur Seite stand; einzig bei Grossanlässen wurde noch der Koch Otto Gerber beigezogen. Gute Geister des Dorfes und aus der Umgebung waren dauernd oder als Aushilfe im Service tätig. Das obligatorische Sonntagsmenu war Poulet und Braten, aber auf den Tisch kamen auch die im Bezirk beliebten traditionellen Gerichte wir Bernerplatte, Zunge mit Kapern, Fleurons und Kartoffelstock und natürlich auch Forellen. Diese wurden per Bahn von Rubigen oder dem Emmental in grossen Kübeln mit Sauerstoff-Flaschen nach Bätterkinden geliefert, wo sie der alte Knecht Otti mit Ross und Wagen abholte. Er bewirtschaftete auch das Land des Gasthauses und sorgte für das Futter für die beiden Pferde. Fleischlieferanten waren die Metzgereien Ursenbacher, Pulver und Tschäppät aus Bätterkinden sowie Lauper aus Mühledorf. An hohen Festtagen wie Ostern durfte Gitzi mit dem ersten zarten Spinat aus eigener Produktion nicht fehlen. Als hoher Festtag galt ausschliesslich auch die Aetinger Chilbi am zweiten Augustsonntag. Weit herum war bekannt, dass im „Kreuz“ an diesem Tag Rehpfeffer von einem Sommerbock offeriert wurde. Wer dann noch mochte, freute sich auf die beliebten, selber hergestellten Desserts wie Götterspeise, Meringues, Fruchtsalat, Gebrannte Creme, Gebäck oder an Hochzeiten auf die Vacherin-Torte. Selbst Vanilleglace wurde hergestellt, indem ein Gefäss mit der Creme in einen mit Eis und Salz gefüllten Behälter gestellt und die Creme so lange von Hand gedreht wurde, bis sie sich zu Glace festigte. Den Durst löschte man mit Feldschlösschen Bier, trank Waadtländer Wein der Firma Obrist in Vevey, aber auch Süssmost und Mineralwasser wie „Pepita“, oder „Sissa“ oder – jedenfalls die Kinder – ein Glas des beliebten Himbeersirups. Und die Getänkepreise zur damaligen Zeit? Eine Flasche Bier kostete damals Fr.--.55, ½ Liter Weisswein Fr. 3.-- und ein Café Fr. --.75. ... Schliesslich sei auch ein grosses und mühsames Problem aller Wirtshäuser der damaligen Zeit angesprochen; die Wäsche. Sie wurde im „Kreuz“ gebrüht, in Körben zum Brunnen der Familie Tschanz zum Wässern geschleppt, im Ofenhaus ausgewunden und in der Hofstatt zum Trocknen aufgehängt – worauf die nicht weniger mühsame Arbeit des Glättens bewältigt werden musste“.

(Auszug aus der Aetinger-Chronik von Peter Lätt, 07.10.03)